Weitere Themen in der Reggae-Encyclopedia:
Eine kurze Geschichte des Reggae
DUB oder "Die Kunst des Toningeneurs"
TOASTING oder "Die Wurzen des Rap"
REGGAE INA ITALY - eine Übersicht"
Dubplates
Ursprünge des Begriffes "Reggae"
PATOIS und Jamaican Slang
Entstehung und Entwicklung der Sound Systems
Die B-Sides der jamaikanischen Rock-Steady Platten der 60er Jahre, enthielten häufig
eine sogenannte "Version", Abkürzung für "Instrumental-Version", ganz einfach den
Song der A-Side ohne Gesang.
Seit den frühen Rock-Steady-Zeiten gab es bereits 2-Spur-Aufnahmegeräte, mit denen es
einfach war, auf einer Spur den Gesang und auf der anderen Spur die restliche Band
aufzunehmen. Mit den "Versions" entstand schließlich auch eine Vielzahl von Variationen
desselben Liedes, da es nun möglich war, weitere Musik zum Instrumental-Mix einzuspielen;
Auch DJs (besser "Selectors" der Sound-Systems) verwendeten Versions, sangen darauf und
mixten verschiedene Stücke zusammen.
DUB ist beinahe durch Zufall
entstanden, als nämlich Osbourne Ruddock (aka King Tubby) bei einer Aufnahme im Studio
versuchte, mit verschiedenen Methoden an Instrumental- und Gesangs-Track herumzuexperimentieren.
Mit neueren, besseren technischen Geräten, wie die 4-Spur-Aufnahme-Geräte und die Effekt-Generatoren,
die die Spuren mit Effekten wie Hall (reverb) und Echo (delay) versetzen konnten, kreierte
King Tubby schließlich spacige, hypnotische Sounds, in denen Bass und Schlagzeug im Zentrum
stehen, Stimme und Instrumente hingegen unerwartet und stark mit Effekten versetzt in das
Stück ein- und ausgemixt werden. Diese neue Musik nannte man DUB, vom englischen Begriff
"Dubbing", was soviel wie Überspielen bzw. Kopieren von Musikkassetten bedeutet.
Trotz der exzessiven Benutzung von technischen Geräten, stehen beim DUB die musikalischen
Fähigkeiten von Musikern und Bands im Mittelpunkt, die die Basis liefern für eine
im Studio vollbrachte Manipulation und Verzerrung eines aufgenommenen Stückes. So zum
Beispiel der Bassist Robbie Shakespear und der Schlagzeuger
Sly Dunbar, die dem DUB einen Groove-lastigen Reggae-Sound bescherten....
DUB eroberte, von Jamaika ausgehend, auch die USA (v.a. New York und Miami mit ihren großen
Jamaican-Communities) und Europa, v.a. England. Dort entwickelte sich auch "DUB POETRY",
ein Stil wo Instrumental-Dub-Tracks mit politisch-, sozial- und religiös inspirierten Texten
fusioniert werden.
Linton Kwesi Johnson, der "Master of DUB POETRY", definiert
den Terminus "DUB" in einem Interview
(classical Reggae interviews) so:
"Dub ist 'drum and base music'. Akademisch oder technisch ausgedrückt könnte man sagen, es ist die Grund-Struktur des Reggae.
Es ist das Skelett der Musik. Es ist Reggae, reduziert auf seine wesentlichsten Bestandteile. Es ist auch die Kunst des Toningenieurs.
Der Toningenieur ist derjenige, der Dub schafft. Er ist der kreativste. Er manipuliert die Rhythmen der Musik.
Man könnte sagen, 'Dub' ist die Kunst des Auseinanderbauens. Es ist eine auseinanderbauende Kunst."
"Du hast ein Stück Musik, nimmst die einzelnen Bestandteile heraus. Übrig bleiben Schlagzeug und Bass.
Und dann bringst Du die Gitarre rein, dann Keyboard, Klavier, usw...."
"Du nimmst eine Menge Hall und Echoeffekte und so kreierst Du eine Atmosphäre, die der Musik eine Art
räumlicher Tiefe verleiht und die auch deren Tanzbarkeit fördert."
In einer Enzyklopädie über "alternative Kultur"
(www.altculture.com) finden
wir folgende Definition unter dem Stichwort "DUB":
Afro-Caribbean psychedelic music of sound subtraction. In dub, the producer becomes the center of the
Jamaican reggae experience, shining an aural X ray onto the sound to illuminate the bass and drums
as its skeletal framework; vocals are sparse, other instruments drop in and out dramatically,
and sound effects are added seemingly at random. By 1970, Lee "Scratch" Perry ,
Joe Gibbs, Bunny Lee, and other producers' dub "versions" were staples of Jamaican single B-sides;
King Tubby came next, further raising the level of technical sophistication.
Today, Adrian Sherwood,
the Mad Professor, and Jah Shaka are
dub's chief practitioners,
while the music's production tricks have
become staples of house, techno, and ambient recordings.
)
Aus dem klassischen ROOTS DUB, der den oft tief-religiösen Inhalten
und Sounds des ROOTS treu bleibt, entwickelte sich im der Laufe der Zeit der heutige
NEO DUB. Zu den ersten Vertretern dieser Richtung gehören sicherlich die
Disciples, Schüler des Roots-Dubbers Jah Shaka, welche
in Bereiche außerhalb biblisch-inspirierter Dub-Sphären vorstießen. Die Liebe zur Musik führt verschiedene
Generationen von Aktivisten zu immer neuen Variationen des DUB, der sich inzwischen als mehr oder weniger
gängige-Stil-Komponente in fast allen Genres, von Rock bis House über Trip Hop bis Drum'n'Bass widerfindet.
Dr. B. Lunt (Style & The Family Tunes) schreibt im Booklet der CD "KingSize Dub":
"Längst hat sich Dub, jener Begriff für die Verbindung von Technik und Spiritualismus,
jene magische Macht des Mischpultes, im Bezugsrahmen der Musik breitgemacht. Kaum eine Veröffentlichung, die sich
studiotechnischer Möglichkeiten bedient, um den "primären" Aufnahmen bzw. Basic-Tracks weitere Spuren zu entlocken,
verzichtet auf die Referenz der ehrwürdigen Produzenten aus Jamaika, die als Erste so mit ihrem Equipment umgehen
konnten, wie es sich bis dahin höchstens in den kühnsten Träumen der Pop-Produzenten angedeutet hatte.
Was mit Instrumental-Takes auf den B-Seiten der jamaikanischen 7''es entsand, hat sich inzwischen, im
Zeitalter von Sample-Techniken und Bedroom Recordings, zum Hochamt einer musikalischen Idee entwickelt,
die im Sound einer Aufnahme und dessen Mix mit anderen Sounds eine Qualität für sich entdeckt und dadurch die
Musikgeschichte um eine neue Spielart bereichert hat. Durch das Weglassen der Vocals und anderer Texturen des
Original-Songs wird ein hauptsächlich aus den Drum- und Bass-Spuren bestehendes Skelett freigelegt,
das viel Raum für Klang-Ereignisse läßt, die aus bearbeiteten, z.B. durch Echos/Delays verdoppelten Fragmenten
der ursprünglichen Aufnahmen und aus zusätzlich eingestreuten Sounds bestehen.
Ein guter Dub-Song ist ein kleines Drama, in dem die Wahrnehmung durch plötzlich eintretende Stille oder sich
episch aufbauende Rückkoppelungen permanent aufgefordert wird, sich das musikalische Geschehen als mentale
Animation zu gestalten. Während zu Beginn des Dub vor allem die Riddims den Dub dominierten und mit ihnen
die Roots des Reggae, dessen Songs zu unzähligen Versions verarbeitet wurden, hat sich im Laufe der 80er Jahre,
in denen England zum Zentrum der Musik wurde, eine eigenständige Erweiterung der Dub-Philosophie ausgebildet.[...]
Im Dub findet sich die älteste originäre Musikform, deren Charakteristik in der technischen Seite des Aufnahmeprozesses
liegt. Gleichzeitig birgt Dub eine magische Seite, die sich aus der spirituellen Prägung der Original Dubsters
und dem musikalischen Zauber einer "richtigen" Dub-Aufnahme herleitet."
|